Letten Venus

wachgeküsst


Ablauf Performance «Letten-Venus» konzipiert für Wachgeküsst — Rundgänge mit sechs künstlerischen Interventionen und Performances im Kreis 5

Im engen Tunnel-Zugang zur Letten-Badi treffe ich auf die Zuschauer*innen, die vom Rundgang zu den Interventionen, Installationen und Performances der anderen beteiligten Künstler*innen zurückgekommen sind. Im engen Tunnelgang stehen sie links und rechts verteilt und halten sich den Wänden entlang. Die ‚wirklichen’ Letten-Badi-Gäste müssen durch diesen Zuschauerschlauch hindurchgehen, diejenigen, die radfahrend ankommen, absteigen, ihr Fahrrad stossen, um es auf der anderen Seite des Tunnels im Fahrradständer zu parkieren. Ich trage einen schwarzgestreiften Männer-Frottée-Bademantel. Obwohl ich nichts sehe, weil ich den Bademantel bis über meinen Kopf gezogen haben, also sozusagen kopflos im Tunnel stehe, hören sich diese Begegnungen teilweise konfrontativ an. Den Zuschauer*innen gebe ich Panels mit Aufschriften ab, die sie nachher sichtbar durch die Letten-Badi tragen werden: VENUS IMPUDICA ... VENUS PUDICA ... SCHAMLOSE VENUS ... SCHAMHAFTE VENUS ...  und eine ‘Hit-Liste’ mit Drogen/Betäubungsmitteln, in der Reihenfolge ihrer Abhängigkeitsgrade, 1. HEROIN 2. KOKAIN 3. BARBITURATE 4. METHADON 5. ALKOHOL. 6. KETAMIN bis 20. KATH.

In der ersten Hälfte des Rundgangs mit dem Bademantel bis über den Kopf gezogen, müssen mich die Zuschauenden auf der vorab geplanten Route durch die ‘Badi’, die ich ihnen beschreibe, navigieren. Dieser Letten-Badi-Rundgang geschieht wegen der Venus-Skulptur von Hans Aeschbacher. Im Vorlauf dieser Aktion habe ich sie aus sechs verschiedenen Blickwinkeln fotografiert, dann ihre Umrisse abgenommen und durchgepaust: 8 verschiedene Umrissformen hat Hili Leimgruber mit schwarzer Tusche auf meinen Körper gezeichnet. In der zweiten Hälfte des Rundgangs lege ich den Bademantel ab, jetzt bin ich ‘nur’ mit einer schwarzen Unterhose und mit dieser Körperbemalung ‘bekleidet’.

Ein Subtext, den ich für diese Performance aufbereitet habe, leitet und begleitet mich. Er wird vom Schauspieler Andreas Storm in Portionen vorgetragen. Den Refrain TAKE ME TO YOUR VENUS, aus dem Lady Gaga Song «Venus»,  spreche ich Mantra mässig dazwischen. Die gesprochenen Sätze aus dem Subtext erklären den Zuschauer*innen und nicht nur ihnen, eigentlich allen und allem an diesem Ort, warum wir uns hier versammeln. Das Ziel sei die Skulptur «Venus de Six-Fours, 1955», von Hans Aeschbacher aus Lavastein geformt. Der Rundgang gibt die Rahmung für eine greifbare Begegnung mit der Skulptur, die schon lange in der Badi steht, eigentlich nicht beachtet wird, aber da ist und auch benützt wird: ausgelegte Badetücher mit sich Sonnenden umranken sie, Taschen lehnen an ihren Sockel, teilweise ruhen die Köpfe der Badegäste auf ihm. Der Subtext handelt auch von der Herkunft des Begriffs der Venus, inklusive ‘Venus impudica’ und ‘Venur pudica’, auch Fakten zur  Hottentot-Venus Sarah Baartmann werden genannt. Der Text handelt von Ausgrenzung und zur-Schau-Stellen. Unser gemeinsamer Rundgang in der Bad ist auch eine Gelegenheit die gesunkenen Dramen, Geschichten, Erinnerungen und Politiken einer der brutalsten Fixer-Szenen Europas, die sich in den 1990er Jahren, gegenüber der Badi, auf der anderen Seite des Kanals, abspielten, ein wenig an die Oberfläche zu hieven.

Die Badi ist dicht besetzt mit Badenden auf Badetüchern oder Liegestühlen: Sie sonnen sich, lesen, haben Kopfhörer in den Ohren, rauchen, essen Eis und unterhalten sich. 
Ich und die Zuschauer*innen, wir sind an diesem Ort Badi fremd, wir sind Aliens: die Zuschauer*innen, weil sie angezogen sind und ich, weil mein 'Outfit' nicht ganz zum Ort Badi passt? Wir unterbrechen mehr oder weniger die ungeschriebenen Regeln des Bade-Spiels des Ortes Letten-Badi. Eine kurzzeitige Zumutung für alle, sowohl für die Badenden als auch für die Zuschauer*innen, die mit mir mitgehen. Wir alle exponieren uns. Sind wir momentan der Lächerlichkeit preisgegeben? Zu welcher Bewegung gehören wir mit unseren Panels? Wir, also die Zuschauer*innen des Rundgangs und ich werden gefragt, für was wir demonstrieren würden.

Ganzes Skript mit Subtext, Bildauswahl für Panels, Situationsplan